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Warten auf die Wölfe

Warten auf die Wölfe

Kieler Nachrichten vom 20.09.2008 01:00:00


Seit der Mensch selbst Tiere hält, ist das Verhältnis zum Wolf von Konkurrenz, Angst und Mythen geprägt. Allein seit 1948 wurden in Deutschland mindestens 30 Wölfe erlegt.

Wittenborn – Der Wolf wird nach Schleswig-Holstein kommen – darüber waren sich Jäger, Naturschützer, Fachleute des Landwirtschaftsministeriums und Politiker in Wittenborn einig, nachdem sie den Vortrag des Wildbiologen Dr. Günter Heidemann gehört hatten. Die Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Naturnahe Jagd zeigte auch: Das Land muss sich vorbereiten, damit es am Tag X nicht zu Panik-Reaktionen in der Bevölkerung kommt.
Die Ausbreitung der Wölfe von Osteuropa nach Westen schreitet voran. Denn durch den gesetzlichen Schutz können sich die Tiere, die noch in der DDR rigoros verfolgt wurden, wieder erfolgreich vermehren. Bei den Wölfen leben Elternpaare stets mit den diesjährigen und vorjährigen Jungen zusammen. Im zweiten Lebensjahr werden die Jungtiere dann vertrieben und machen sich auf Revier- und Partnersuche. Weil sich Wölfe aber nie mit verwandten Tieren paaren, wandern sie oft Hunderte Kilometer weit. Allein in einer Nacht legen sie locker 50 Kilometer zurück. Bedeutet: Sowohl aus Polen als aus den neuen Bundesländern können Jungtiere problemlos Schleswig-Holstein erreichen. Zumal sich zurzeit laut NABU fünf Wölfe in Mecklenburg-Vorpommern aufhalten, drei davon in den Bereichen Schönberg und Parchim. „Immer wieder kommt es aber zu Fehlmeldungen, weil es äußerst schwierig ist, einen Wolf von einem großen Hund zu unterscheiden. Sicher ist nur eine genetische Analyse, etwa anhand von Losung oder Fellhaaren“, sagte Heidemann, der auch nicht verschwieg, dass das Verhältnis zwischen Hund und Wolf durchaus gespalten ist: Einerseits paaren sich Wölfe bei „sexuellem Notstand“ durchaus mal mit Hunden, andererseits können sie in Haus- oder Jagdhunden auch mal leichte Beute sehen. Heidemann machte aber deutlich, dass dies nur in wenigen Fällen nachgewiesen ist. Und wie ist es mit der Angst des Menschen vor dem Wolf? „Es ist Unsinn, dass Wölfe unsere Kinder von der Schaukel holen oder die Großmutter auf dem Waldweg anfallen. Aber eine norwegische Studie von 2002 zeigt, dass es in extrem seltenen Fällen zu Angriffen auf den Menschen gekommen ist.“ In den letzten 50 Jahren seien in Europa in neun Fällen Menschen von wildlebenden Wölfen attackiert worden und an den Folgen verstorben. Die norwegische Studie hat drei Gründe für solche Wolfsattacken auf den Menschen festgestellt. Erstens: Die an sich scheuen Wölfe seien an Tollwut erkrankt. Zweitens: Sie seien von Menschen in die Enge getrieben worden. Drittens: Menschen hätten versucht, die Wölfe an sich zu gewöhnen. „Das passiert leider immer wieder, dass Menschen in falschverstandener Tierliebe Wölfe als Haustiere halten wollen. Ich selbst habe in meiner Zeit an der Kieler Uni auch einmal einen Wolf aus einer Familie mit Kindern holen müssen“, sagte der Wildbiologe. Weil Wölfe zu ihrem Beutespektrum neben Reh-, Rot- und Schwarzwild auch Haustiere wie Schafe und Ziegen zählen, forderte Heidemann rechtzeitige Präventionsmaßnahmen – etwa einen Fonds für schnelle Ausgleichzahlungen an geschädigte Tierhalter, spezielle Weideschutzzäune oder Schutzhunde für wandernde Schafsherden. Für sinnvoll erachtet Heidemann aber auch einen umfassenden Wolfsmanagementplan, sachliche Informationen und Transparenz: „Man muss die Ängste von Eltern, von Tier- und Hundehaltern ernst nehmen und sich mit ihnen auf den Wolf vorbereiten. Dann kann der Wolf auch in einer Kulturlandschaft existieren.“ Denn klar sei auch: Der Wolf ist eine streng geschützte Art. Wer ihm nachstellt oder ihn tötet, begeht eine Straftat, die mit hohen Geld- und Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren geahndet werden. „Wir müssen also lernen, mit ihm zu leben. Und wir müssen ihn schützen.“
Von Heike Stüben