Waidgerechtigkeit?
Arbeitsgemeinschaft Naturnahe Jagd e.V. Schleswig-Holstein AGNJ/SH
Beauftragter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Helmut Neu
Gibt es eine Grüne Waidgerechtigkeit?
Diese Frage stellte der Jugendverband von Bündnis 90/die Grünen im Kreis Herzogtum Lauenburg einer ausgewählten Runde von Interessenvertretern aus Jagd und Naturschutz im Rahmen einer Podiumsdiskussion.
Stargast des Abends war der parlamentarische Staatssekretär im Bundesverbraucherschutzministerium, Matthias Berninger.
Gekommen waren weiterhin
Dr. Werner Sach, Mitglied im Landesjagdverband Schleswig-Holstein,
Thomas Neumann vom WWF,
Hubertus Meyer-Loos, Kreisjägermeister im Herzogtum Lauenburg und
Eckehard Heisinger, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Naturnahe Jagd SH e.V..
Dr. Konstantin von Notz, Mitglied der „Jungen Grünen“, leitete die Gesprächsrunde. Der Zuspruch, den die Veranstaltung in Jägerkreisen fand, war bemerkenswert: weit über 200 Jägerinnen und Jäger aus dem südlichen Schleswig-Holstein verfolgten mit großem Interesse die Redebeiträge. Fragen aus dem Publikum belebten die Veranstaltung in offensichtlich erwünschter Weise, die Antworten der Interessenvertreter machten unterschiedliche jagdpolitische Ansätze deutlich.
In seiner Einführung stellte von Notz fest, dass Waidgerechtigkeit ein unbestimmter Rechtsbegriff – bestehend aus geschriebenen und ungeschriebenen Regeln – sei, der sich auch an der gesellschaftspolitischen Realität orientiere müsse.
Staatssekretär Berninger nahm den Faden auf: Jagdgesetzgebung müsse die gesellschaftspolitische Entwicklung berücksichtigen, darum fordere seine Partei nach wie vor eine Änderung des BJG. Dabei komme es darauf an, die Kompetenz des Bundes zu erhalten und gleichzeitig die Länder in ihrer Partizipation zu stärken.
Im Mittelpunkt der Zielsetzung einer Gesetzesnovelle stehe die Naturnahe Waldwirtschaft und die Stärkung der Interessen der Waldbesitzer. Darüberhinaus sei zu berücksichtigen, dass der Tierschutz inzwischen Verfassungsrang hat, darum sei der Abschuss von Haustieren unter Strafe zu stellen. Fallenjagd sei anachronistisch und die Liste jagdbarer Tiere diskussionswürdig. Auch müssten die Jäger in bestimmten Intervallen ihre Schießfertigkeit nachweisen, Vereinen solle die Möglichkeit zur Jagdpacht eröffnet werden.
Seine Feststellung, dass wildernde Katzen sich überwiegend aus ausgesetzten Tieren rekrutierten, stieß allerdings auf den Widerspruch der Jagdpraktiker.
Thomas Neumann vom WWF legte dar, dass verwilderte Katzen regelmäßig in freier Natur geboren werden und im Ökosystem deplaziert seien. Über Möglichkeiten ihrer Beseitigung müsse allerdings diskutiert werden.
Neumann, praktizierender Jäger, dessen Teilnahme an winterlichen Jagden der Kreisforstverwaltung auch dazu führt, dass dabei Füchse auf Grund seiner Intervention nicht freigegeben werden, gestand der Entwicklung der Jagd in Schleswig-Holstein eine „positive Entwicklung“ zu. So sei mit der Fallenjagdverordnung und den Auflagen der Naturschutzgebietsverordnungen im Lande der Beweis partieller Konsenzfähigkeit geführt worden. Es sei fraglich, ob die Herausnahme von Seeadler (seit 1926 geschützt) und Fischotter aus dem Jagdrecht sinnvoll ist, beide Arten entwickelten sich unter dem Schutz der großen Mehrheit schleswig-holsteinischer Jäger in bemerkenswerter Weise. Er forderte die Verlängerung der Jagdzeit auf den Rehbock und eine Förderung des Rotwildbestandes mit dem Ziel der flächendeckenden Ausweitung in geeigneten Lebensräumen. Die Wasservogeljagd betrachte er kritisch.
Kreisjägermeister Hubertus Meyer-Loos behauptete, der Landesjagdverband werde in jagdpolitischen Belangen zwar gehört, da man dessen Meinung aber eigentlich nicht hören wolle, bliebe diese vielfach unberücksichtigt. Selbst Eigentümer einer großen Eigenjagd, betonte er die Jagdrechtsbindung an Grund und Boden und sprach sich gegen eine Novellierung des BJG aus. Er erklärte sich nicht einverstanden mit den Einschränkungen der Jagd in Naturschutzgebieten, zeigte Unverständnis für die nur ausnahmsweise Erteilung von Abschussgenehmigungen für Komorane und behauptete, dass das Blesshuhn, das inzwischen wegen der Intervention des LJV in SH wieder bejagt werden kann, auch als Braten geschätzt werde. Jagdverzicht der im LJV organisierten Jägerschaft führe regelmäßig zu Jagdverboten, so Meyer-Loos. Der Kreisjägermeister stellte – sichtlich erregt – die jagdpolitische Expertise der derzeitigen Landesregierung in Frage.
Mit seiner Meinung, dass die Aufhebung des Betretungsverbotes des Waldes außerhalb des Wegenetzes einer „ökologischen Katastrophe“ gleich komme und damit die Tagaktivität des Wildes beeinträchtigt werde, führte auch zur Zustimmung von Eckehard Heisinger, dem Vorsitzenden der ARBEITSGEMEINSCHAFT NATURNAHE JAGD SCHLESWIG-HOLSTEIN e.V. (AGNJ-SH).
Heisinger, Chef des kleinen, aber äußerst rührigen Jagdverbandes in Schleswig-Holstein, war auch derjenige, der die Leitfrage des Abends direkt und anschaulich beantwortete: „Grüne Jagdstrategien“ so der Repräsentant der Landesgruppe des ÖKOLOGISCHEN JAGDVERBANDES (ÖJV) könnten sein:
- flexible Anpassung der Jagdzeitenverordnungen an die jeweilige aktuelle qualitative und quantitative Situation einer Wildtierpopulation,
- keine Jagd während der Brunftzeit (Wildbretverwertung/siehe Jagdpraxis in Nordamerika),
- Einführung störungsärmerer, effektiverer Jagdtechniken(z.B. Reduzierung der Jagdzeiten wie in Skandinavien/lebensraumübergreifende Gemeinschaftsjagden statt Einzeljagd),
- Töten von Wildtieren nur aus vernünftigem Grund,
- Veränderung der JägerInnenausbildung hin zu mehr Praxis (vom grünen Abitur zur grünen Gesellenprüfung),
- jährliche Schießprüfung wie z.B. in Skandinavien,
- Überprüfung, inwieweit der Schrotschuss auf flüchtiges Wild noch (waidgerecht) vertretbar ist und
- keine Kirrung und Fütterung von Wildtieren (Anlocken von Wildtieren konzentriere Wild unnatürlich und verändere wildtiertypische Lebensgewohnheiten). Die Kirrung, so Heisinger, sei allerdings derzeit als „Krücke“ auf dem Weg zur revierübergreifenden Jagd noch akzeptabel.
Dies, so Heisinger, sei allerdings keine Huldigung der jagdpolitischen Behauptungen von Bündnis 90/die Grünen. Die stramme Forderung „Rehrücken statt Rehbrücken“ des Diskussionsleiters Dr. von Notz könne die AGNJ-SH nicht unwidersprochen hinnehmen. Grünbrücken über landschafts- und lebensraumzerschneidende Straßen seien sehr wohl angemessene Ausgleichsmaßnahmen für volkswirtschaftlich notwendige Eingriffe in Landschaft und Natur. Sie seien unabdingbare Voraussetzungen für eine erfolgreiche Biotopvernetzung.
Dr. Werner Sach, Tierarzt und im Tierschutz engagierter Jäger, Vorstandsmitglied des Landesjagdverbandes, argumentierte sachlich, realitätbezogen und durchaus selbstkritisch: so fordere „Waidgerechtigkeit“ auch Selbstbeschränkung dort, wo Gesetzestexte zur Orientierung nicht ausreichend seien. Auf die Thesen von Heisinger eingehend stellte er fest, dass das Schwarzwild aus seiner Sicht ohne Kirrung nicht ausreichend reguliert werden könne.
Vor dem Resümee von Staatssekretär Berninger hatten alle Teilnehmer die Möglichkeit zum Schlusswort.
Der AGNJ-Vorsitzende Eckehard Heisinger forderte dabei die Bereitschaft zur „Auflösung der Verhärtung der Positionen“ von AGNJ/ÖJV und LJV/BJV. Alle Jäger müssten das eigene Handeln überdenken und kritisch hinterfragen, die Jagd habe sich auch an dem gesellschaftlichen Umfeld zu orientieren.
Die AGNJ-SH sei auch kein „Konkurrenzverein“ des LJV, die Arbeitsgemeinschaft pflege den wissenschaftlichen Ansatz bei der Suche nach Antworten auf jagdpolitische Fragen. Heisinger, Dipl.Forst.Ing. und Leiter eines staatlichen Reviers im ostholsteinischen Hügelland, zeigte auch die nachteiligen Auswirkungen der Änderungen des Landeswaldgesetzes am Beispiel des im Revier heimischen Schwarzstorches und Seeadlers auf. Die nunmehr eingeräumte Möglichkeit, den Wald auch außerhalb des Wegenetzes begehen zu können, sei im waldarmen Schleswig-Holstein kontraproduktiv und störe die mit hohem Aufwand geschützten Lebensräume der verbliebenen und wiederangesiedelten Tierarten. Unverständlich sei, dass die Auffassung der Jagd- und Umweltverbände bei dieser doch eher populistischen Entscheidung nicht berücksichtigt worden seien.
Jagd, so Staatssekretär Berninger, sei Handwerk und Wild gehöre häufiger auf den Teller, Wildschweine hätten nämlich ein besseres Leben als Mastschweine. Eine Lösung für das zentrale Thema Schwarzwildbestand sieht Berninger auch in der „Schwarzwildjagd als konzertierte Aktion“. Zur von der Mehrzahl der Gesprächsteilnehmern eingestandenen Schalenwildproblematik forderte er, dass die Jägerschaft Garant für den Waldumbau sein müsse. Die Jäger seien in der Pflicht. „Tarifverhandlungen“ zwischen Jägern, Naturschützern und Grundbesitzern könnten hier hilfreich sein.
Eines verband am Ende der Gesprächsrunde alle Teilnehmer: man müsse um der Zukunft der Jagd willen gegenseitige Beschuldigungen minimieren und Wege zum Konsens finden.